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Generation Praktikum – Das dezentrale Heim junger Menschen

19. Januar 2012 von Marc Lüdemann

Das so genannte Prekariat besteht auch aus Akademikern. Seit Jahren ist bekannt, dass tausende Hochschulabsolventen sich von einem Praktikum zum nächsten hangeln – ohne Bezahlung, ohne Perspektive auf Festanstellung. In der Öffentlichkeit redet aber kaum noch jemand über diese Ausbeutung.

Die ‚Generation Praktikum’ ist allen ein Begriff. Jeder glaubt zu wissen was gemeint ist, wenn er von ihr hört. Sachverhalte, deren bestimmende Begriffe einmal in den kollektiven Sprachgebrauch eingegangen sind, gelten als geklärt. Der ‚kategorische Imperativ’ wird problemlos abgenickt, genauso wie sich jeder mit dem Modell des ‚Zeitgeschehens’ bestens auskennt. Die Begriffe verlieren durch ihren alltäglichen Gebrauch ihre Fragwürdigkeit. Ihre Unerhörtheit hat sich in dem Brei des Gewöhnlichen aufgelöst, sie sind keine Neuheiten mehr. Auf diese Weise werden die Sachverhalte, die sie bezeichnen, selbstverständlich.

So gilt es als selbstverständlich, wenn sich ein Hochschulabsolvent, nennen wir ihn Felix, ein halbes Jahr nach seinem Abschluss, mit einem Rucksack auf dem Rücken in irgendeinem Zug nach Nirgendwo befindet, um dort sein drittes Praktikum anzutreten. Natürlich unbezahlt, dafür ersetzt Felix eine volle Stelle, arbeitet offiziell vierzig Stunden in der Woche, ist aber mit jeder Überstunde dem Gefühl näher gebraucht zu werden und bringt sich bis zum Letzten ein. Kurz vor Ende lernt er Felix II ein, der übernimmt und mit der gleichen Energie an der selben Stelle weitermacht, wo Felix I aufgehört hat für den Betrieb wichtig zu sein: ein Kreis schließt sich. Felix bekommt kein Geld und dennoch ist Felix ein notwendiger Teil des Betriebs, ohne ihn würde es nicht laufen, er ist der unbezahlte Mitarbeiter und er ist leidensfähig.

Vor ein paar Jahren hat die ‚Generation Praktikum’ medienwirksam auf sich aufmerksam gemacht. Dabei haben Praktikanten ihr Gesicht hinter immer der gleichen Maske versteckt: denn sie sind gesichtslos, sie sind der unbezahlte Mitarbeiter. Sie sind Felix, der Glückliche, der Berufserfahrung sammeln darf, der zu professioneller Arbeit angeleitet wird, der aber ohne Aussicht auf eine Festanstellung kommt und wieder gehen darf. Dem gegenüber niemand Verantwortung hat, der nicht versichert werden darf, für den kein Geld da ist und der noch froh sein kann. Er ist die Einsparung des Unternehmens, die ein kalkuliertes Wachstum garantiert. Felix ist das personifizierte Wirtschaftswachstum.

Hat Felix selber schuld? Hat er sich nicht entsprechend ausgebildet, musste es nicht schiefgehen, wenn er sich für einen Zweig entschieden hat, an dem schon so lange gesägt wird, oder soll er sich sogar freuen, weil es doch sowieso ein Happy End geben wird und er der Auferstandene sein wird. Irgendwann der sein wird, der auf eine ungeheuer spannende Zeit zurückblickt. In der er in einem Jahresumlauf in acht verschiedenen Städten war, Menschen kennengelernt hat, sich über Nebenjobs zum Praktikum finanziert hat, kaum Zeit hatte sich weiter zu bewerben, geschweige denn ein Privatleben zu führen.

Die ‚Generation Praktikum’ gibt es noch, sie ist nur selbstverständlich geworden, man hat sich daran gewöhnt, dass zu einem funktionierenden Betrieb, der schwarze Zahlen schreibt, Mitarbeiter gehören, die gesichtslos sind. Vor allem im kulturellen Betrieb ist die Lage verheerend. Während in vielen wirtschaftlichen und technischen Berufen Praktika finanziell entlohnt werden, gibt es in den kulturellen Betrieben, sozialen Berufen und ‘kreativen Berufsfeldern’ fast nie eine solche Entlohnung, die einen zumindest an die Armutsgrenze heben würde. Die Pointe ist an Bitterkeit schwer zu übertreffen. Der kulturelle Betrieb zum Beispiel kritisiert an den wirtschaftlichen Betrieben deren ausbeuterische Prinzipien und spielt dabei in forciertem Tempo die selbe Melodie. Die Mehrzahl der kulturellen Betriebe hat sich den Kampf gegen einen enthumanisierenden Kapitalismus auf die Fahnen geschrieben; tatsächlich erfinden sie damit ein verkaufsträchtiges Label für ihre jeweiligen Produktreihen. Sie inszenieren sich als letzte Stätten der conditio humana, als mahnendes Sprachrohr, das den ewigen Verlust und Untergang der Würde des Menschen entsetzt ausruft. Die Kehrseite dieses Pathos ist gewaltig und findet sich auch auf bundespolitischer Ebene, auch hier wird dem Vorwurf der Ausbeutung von Hochschulabsolventen entsprochen. In neun der 14 Ministerien erhielten Praktikanten im vergangenen Jahr grundsätzlich keine Bezahlung. Allein das Innen- und Justizministerium entlohnt Praktikanten mit 50 bis 511 Euro.(Quelle: www.fairwork-ev.de)

Nur gut, dass Felix Klara kennt. Klara weiß mehr, denn Klara hat einen Job. Klara arbeitet in einem 5 Sterne Graphikbüro, in einem Loft mit Blick auf den Industriehafen. Doch wenn Sie von ihrem Job erzählt, dann geht es selten um die schöne Aussicht und das tolle Büro, sondern eher darum, dass die Transparenz des Arbeitsplatzes bedeutet, dass jeder sieht, wenn sie mal eine Pause macht, auf Toilette geht, sich was zu trinken holt, oder in der Sprache des Chefs: nicht arbeitet. Die schöne Transparenz des modernen Arbeitsplatzes entpuppt sich als Überwachungsstrategie. Wie Felix fehlt auch Klara die Möglichkeit sich mündig im Betrieb zu bewegen, denn sie ist wie er von einem guten Zeugnis abhängig, so sind unbezahlte Überstunden all inclusive.

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