Bienvenue en 2012!
Ehe man sich versieht ist Weihnachten vorbei, ein neues Jahr hat begonnen. Noch leicht benommen von den kulinarischen Köstlichkeiten eines Weihnachten à la française, reibt man sich verwundert die Augen und stellt fest: Winter wird es wohl nicht mehr werden… Denn Nizza als eine der wärmsten Städte der Côte d’Azur leidet auch im Winter nicht unter eisigem Frost oder Depressionen. Die Jahreszeiten blieben für mich diesmal aus. Nicht ausbleiben werden allerdings Klausuren, die mir nun bevorstehen. Das vorletzte Semester neigt sich rasant dem Ende zu. Ziemlich früh für das „deutsche“ Verständnis. Doch das französische Universitätssystem ist etwas anders organisiert. Das Semester beginnt Anfang September, vor Weihnachten gibt es eine Reihe Zwischenprüfungen und im Januar stehen die Endklausuren an. Nach kurzen Ferien geht dann das nächste Semester los, welches im Mai/Juni mit einer erneuten Klausurenphase seinen Abschluss finden wird. Genau wie mein Bachelor, beziehungsweise die Licence, das französische Bachelor-Äquivalent, welche genau wie der Bachelor zur Aufnahme eines Masterstudiums oder zum Einstieg in das Berufsleben befähigen soll.
Nach den ersten zwei Jahren Bachelorstudium in Kassel, sehe ich nun in Nizza, dass Studieren hier teilweise ziemlich anders abläuft. Organisation, Studieninhalte und Lehrmethoden unterscheiden sich. Wie weit sind also Anspruch und Wirklichkeit der Bologna-Reform voneinander entfernt? Der Anspruch ist die Vergleichbarkeit von Bildung in Europa, so entstand das BA/MA-Systems mit modularisierten Studiengängen und dem Kreditpunktesystems ECTS. Doch bedeutet dies, dass das Studium in ganz Europa nun gleich abläuft und wir alle die gleiche Bildung erfahren, qualitativ wie auch quantitativ?
Mir fällt da der Kurs Arbeitsrecht ein, den ich sowohl in Deutschland als auch in Frankreich zu belegen hatte. Da liegen so viele Welten zwischen, dass man überhaupt nicht vergleichen kann. Ist der Anspruch der europäischen Vergleichbarkeit überhaupt erfüllbar oder eher eine große Illusion? Und ob so ein Ziel erstrebenswert ist, steht noch mal auf einem ganz anderen Blatt… Stellen wir uns doch mal rein hypothetisch einen einheitlichen Stundenplan für Kassel, Kopenhagen, Krakau, Klagenfurt, Groningen, Oslo, Barcelona, Zürich, Aberdeen, Budapest, Nizza…vor. Überall identische Studieninhalte und Prüfungsfragen. Und es wäre womöglich ein elitäres europäisches undemokratisches Gremium im Elfenbeinturm (oder Eiffelturm oder Turm von Pisa), das die Rahmenbedingungen dafür festlegen würde? Ist das nicht eine grauenvolle Vorstellung? Eine europäische Bildungs-Dystopie!
Aber man soll den Teufel nicht an die Wand malen. Wo stehen wir also heute?
Die Bologna-Reform wird in diesem Jahr ihren 13. Geburtstag feiern. Damit wird sie also zum Teenie, die Zeit der Pubertät mit Pickeln und Anpassungsschwierigkeiten. Diese zeichnet sich schon länger ab, besonders deutlich seit 2009, als die Proteste gegen die Reform ihren vorläufigen Höhepunkt fanden. Bereits anlässlich des 10. Geburtstages musste man feststellen, dass dieses Bildungskind Europas keinen einfachen Lebensweg vor sich hatte. Zwar war vielerorts die Umsetzung der Bologna-Vorgaben in vollem Gange, doch es mangelte an Verständnis und Akzeptanz. Die Umsetzung der Bologna-Reform nach dem Top-Down-Prinzip, ohne ausreichend Partizipationsmöglichkeiten für die Betroffenen wurde und wird stark kritisiert, wie auch eine inhaltliche Überfrachtung der Studiengänge. Und wieder kommt die Frage auf, wie wollen wir Studieren und wie kann Europamobilität eigentlich funktionieren. Denn grundsätzlich ist es eine große Bereicherung die Wahl zu haben, in verschiedenen Ländern studieren zu können, Perspektivwechsel zu wagen und dadurch neue Erkenntnisse zu erlangen. Gleichzeitig wird Auslandserfahrung immer mehr als selbstverständlich und vorteilhaft für den Lebenslauf betrachtet. Jedoch man sollte eine Sache nicht um ihrer selber willen machen, sondern aus eigener Motivation und Antriebskraft heraus die Wahl treffen können, wie man sein Studium in die Hand nimmt und gestaltet. Dafür bedarf es eines gewissen Maßes an Zeit und Freiraum um sich dessen bewusst werden zu können. Anstatt immer neue Einschränkungen vorzuschreiben, sollten die Rahmenbedingungen viel mehr diesen Freiraum ermöglichen.
Nun wieder etwas konkreter – Was steht uns in diesem frischen neuen Jahr 2012 bevor?
Es wird ein Wahljahr sein! Und davon sind sowohl Nizza als auch Kassel betroffen. Jedoch nicht ganz im gleichen Ausmaß. In Frankreich stehen am 22. April 2012 die Präsidentschaftswahlen an. „Ça va être chaud“ – da wird es ganz schon abgehen, so sagt man voraus. Wird es zu einer zweiten Legislaturperiode Nicolas Sarkozys (UMP- Union pour un mouvement populaire) kommen oder gewinnt Francois Hollande (Parti Socialiste; größte Oppositionspartei) oder einer der anderen Kandidaten die Wahl? Manche befürchten gar eine Wiederholung des Debakels von 2002, als es zur Stichwahl zwischen Chirac (UMP) und dem rechtsextremen Jean-Marie Le Pen (Front National) kam, dessen Tochter Marine in diesem Jahr kandidiert. Der Front National vertritt eine extrem antieuropäische Haltung und steht für nationalistische, ausländerfeindliche Propaganda. Wie werden außerdem die Grünen abschneiden, die in Frankreich nicht über eine mit Deutschland vergleichbare gesellschaftliche Verankerung verfügen. Sie treten unter dem Namen Europe Écologie Les Verts und unter der Führung von Eva Joly, eine für ihren Kampf gegen Korruption bekannte Juristin, an. Zur Auswahl steht den Wähler*innen also eine bunte Palette an Kandidat*innen. Ich bin gespannt, welche Farbe der neue Anstrich der Republik haben wird. Könnte er vielleicht sogar „weiß“ werden? „Voter blanc[weiß]“ heißt einen leeren oder ungültigen Stimmzettel abgeben, damit also Unzufriedenheit und auch Verdrossenheit ausdrücken. Im Jahr 2007 erreichte die Wahlbeteiligung zwar ein Rekordhoch, denn der Schock von 2002 saß noch tief. Doch wie ist es in diesem Jahr um das Vertrauen und die Hoffnung der Bürgerinnen und Bürger in ihre Repräsentanten bestellt? Im April wissen wir mehr.
Und in Kassel? Da ist es wieder einmal Zeit für die Hochschulwahlen. Vom 24. – 26. Januar haben wir alle die Gelegenheit wählen zu gehen bzw. einen Brief zu schicken.
Wir haben die Gelegenheit zur Wahl, nehmen wir sie wahr!?!
